Als der Güterzug eine Dreiviertelstunde später anhielt, sprang ich ab. Ich wollte nicht erfrieren und schusselte halb erfroren ins Bahnhofbuffet und genehmigte mir - self service - einen heissen Tee. Ausser ein paar Obdachlosen, ein paar schlaftrunkenen Frühaufstehern, einer trägen Kassiererin und ein paar unauffälligeren Angestellten war niemand dort. Die Luft war biergeschwängert, aber warm; und Wärme war das einzige, was mich im Augenblick interessierte. Vor lauter Wärme verpasste ich beinahe den ersten Zug in den Jura an die französische Grenze. Kein Mensch erkannte mich, und ich erkannte keinen Menschen. Gut so. Es war noch dunkel, als der Zug hoch oben im Jura umkehrte. Da ich nicht zurückfahren wollte, stieg ich wohl oder übel hinaus in den Winter und prägte mir anhand einer öffentlich gehängten Wanderkarte, den Weg nach Frankreich ein und stapfte den Gleisen nach richtung grüne Grenze. Ein arktisch anmutender Wind zog penetrant durch die Strassen und durch meine Kleider. Ich hasste mich für die wahrlich saudumme Idee der Winterüberquerung der Jurahöhen, war aber zu stolz um umzukehren; und walkte durch den kniehohen Schnee der Ungewissheit entgegen. Gleich im ersten französischen Kaff hinter der Grenze, hielt ich den Daumen in die Kälte und versuchte ein Auto zu stoppen. Es war zwecklos. Keines hielt an. Die bremsten nicht mal und donnerten so gut es ging auf der schneebedeckten Strasse an mir vorbei einen Hügel hoch ins Landesinnere. Ich fror fast noch erbärmlicher als vorige Nacht auf dem Güterzug. Sah ich denn so wenig vertrauenerweckend aus? Lag es an den seifigen Strassen? Es musste an den seifigen Strassen liegen. Die Autofahrer wollten nicht mit mir als Beifahrer verunfallen. Lieber alleine. Versicherungstechnisch war es wohl sinnvoller. Das jedenfalls behauptete mein Alter andauernd und nahm aus versicherungstechnischen Gründen nie Stopper mit. Er erwiderte den erhobenen Daumen, indem er seinen nach unten streckte und so den Wartenden zu verstehen gab, was er von ihnen hielt. Ich schämte mich immer ob dieser miesen Geste. Um die Warterei zu verkürzen, begann ich vor mich hin zu zählen. Als ich bei zweitausendsechshundertzweiundvierzig vorbeigezählt hatte und gerade zur Überzeugung gelangt war, dass es jetzt angebracht sei, irgendwo einen heissen Tee zu trinken, stoppte ein gelber Renault neben mir. - "Wohin willst du?" - "Nach Paris." - "Entschuldigung, aber bist du wahnsinnig? Von hier oben kommst du nie nach Paris. Das sind mehr als tausend Kilometer!" Mich begann es langsam aber sicher anzugurken. Der Type bemerkte es. Er war vielleicht fünfunddreissig und sein Wagen stank nach Rauch. Während dem kurzen Intermezzo hatte er seine Kippe nicht von den Lippen genommen, sondern sie lediglich in den linken Mundwinkel geklemmt und mit dem rechten lauter unerfreuliche Worte geformt. Dann meinte er: - "Du hast Schwein. Per Zufall fahre ich fast nach Paris. Ich besuche meine Schwester in Créteil. Dort kannst du die Métro nehmen." Dieser Affe. Warum hatte er mir das nicht gleich sagen können. Nun gut. Ich stieg ein in die Räucherhöhle und wir schlitterten vondannen durch die verschneiten Jurahöhen. Es war eine völlig unspektakuläre Fahrt. Ich erinnere mich an fast nichts mehr. Einzig das Gelände wurde immer ebener und die Strassen waren, jemehr wir uns Paris näherten, jelänger jeweniger verschneit und schliesslich nur noch nass. Der Type fuhr immer schneller. Irgendwo gab es eine Tante, bei der wir kostenlos übernachteten. Ich finanzierte mal einen Tank Benzin und erfuhr, dass der Type Jean hiess, wie hunderttausend andere auch. Er war tatsächlich fünfunddreissig, redete andauernd, und ich versuchte ihn zu verstehen, was mit meinem rudimentären Französisch schier ein Ding der Unmöglichkeit war. Vielleicht erzählte er mir sein ganzes Leben. Ich weiss es nicht. Er wollte wissen, und ich kapierte die Frage sogar, was ich in Paris wolle. Da ein Kapitel aus dem Französischbuch die Ferien behandelte und diese zum sympathischsten Teil des Schuljahres gehören, war es das einzige Kapitel, in das ich mich vertieft hatte. Ich erzählte Jean, ich würde in Urlaub fahren. Irgendwann begannen die Häuser immer dichter zu stehen und höher zu werden. Wir waren in Créteil, in der Banlieu von Paris. Jean setzte mich eine Häuserzeile hinter dem Hafen ab. Mitten im Niemandsland. Die Strassen waren überstellt mit Autos, die Strassenränder bepflanzt mit gesichtslosen Fassaden; wohl dem sozialistischen Einheitsdesign der DDR nachempfunden. Ab und zu lugte ein junges Bäumelein aus dem Asphalt und versuchte hier unbeschädigt aufzuwachsen. Ich flanierte dem Quai Jacques Offenbach entlang. Wie Musik lagen mir die nahe Autobahn und die Flugzeuge von und nach Orly in den Ohren. Auf dem See trotzten ein paar farbenfrohe Surfer der eisigen Witterung, zischten übers trübe Wasser und kamen sich wundersamerweise nie in die Quere. Hinter dem See lag ein Hügelein, an dem sich durch lose bebaumtes blattloses Grün ein Wegelein schlängelte. Hinter der Anhöhe versteckten sich Autobahn und Industriegebiet, das sich immerhin noch durch zwei immense Schornsteine bemerkbar machte. Die Skyline bildeten eine doppelspurige Starkstromleitung mit Masten wie Armleucher, bei denen lediglich die Kerzen fehlten. Sie standen da, reichten einander die Kabel weiter und liessen etwas Weihnachtsstimmung aufkommen. Als der Güterzug eine Dreiviertelstunde später anhielt, sprang ich ab. Ich wollte nicht erfrieren und schusselte halb erfroren ins Bahnhofbuffet und genehmigte mir - self service - einen heissen Tee. Ausser ein paar Obdachlosen, ein paar schlaftrunkenen Frühaufstehern, einer trägen Kassiererin und ein paar unauffälligeren Angestellten war niemand dort. Die Luft war biergeschwängert, aber warm; und Wärme war das einzige, was mich im Augenblick interessierte. Vor lauter Wärme verpasste ich beinahe den ersten Zug in den Jura an die französische Grenze. Kein Mensch erkannte mich, und ich erkannte keinen Menschen. Gut so. Es war noch dunkel, als der Zug hoch oben im Jura umkehrte. Da ich nicht zurückfahren wollte, stieg ich wohl oder übel hinaus in den Winter und prägte mir anhand einer öffentlich gehängten Wanderkarte, den Weg nach Frankreich ein und stapfte den Gleisen nach richtung grüne Grenze. Ein arktisch anmutender Wind zog penetrant durch die Strassen und durch meine Kleider. Ich hasste mich für die wahrlich saudumme Idee der Winterüberquerung der Jurahöhen, war aber zu stolz um umzukehren; und walkte durch den kniehohen Schnee der Ungewissheit entgegen. Gleich im ersten französischen Kaff hinter der Grenze, hielt ich den Daumen in die Kälte und versuchte ein Auto zu stoppen. Es war zwecklos. Keines hielt an. Die bremsten nicht mal und donnerten so gut es ging auf der schneebedeckten Strasse an mir vorbei einen Hügel hoch ins Landesinnere. Ich fror fast noch erbärmlicher als vorige Nacht auf dem Güterzug. Sah ich denn so wenig vertrauenerweckend aus? Lag es an den seifigen Strassen? Es musste an den seifigen Strassen liegen. Die Autofahrer wollten nicht mit mir als Beifahrer verunfallen. Lieber alleine. Versicherungstechnisch war es wohl sinnvoller. Das jedenfalls behauptete mein Alter andauernd und nahm aus versicherungstechnischen Gründen nie Stopper mit. Er erwiderte den erhobenen Daumen, indem er seinen nach unten streckte und so den Wartenden zu verstehen gab, was er von ihnen hielt. Ich schämte mich immer ob dieser miesen Geste.

Und ich erinnerte mich des längst verschollenen Untergrund-Stadtrundganges, den ich 1985/86 als Reisevorschlag für traurige Regentage entworfen hatte.
Ich fuhr nach Paris. Diesmal per Bahn, nicht per Autostopp.